Tango in Manhattan

Die folgenden Leseproben sind “Stromer – Storys und Reportagen von den Straßen New Yorks” entnommen. Aus: Tango in Manhattan (Reportage)

“Central Park liegt ergeben da. Vor zehn Minuten hat der Regen jedes Lachen, Schwatzen, Zwitschern mit einem brutalen Schwall fortgespült. Die Flaneure sind auseinandergestoben, die Vögel geflüchtet. Du hast dich unter das Vordach des Boat-House-Restaurants gerettet. Das Restaurant ist heute geschlossen, Management hat das Unwetter geahnt. Der hauseigene Kakadu sitzt auf der Stange und glotzt dich durchs Fenster mit einem roten Auge an. Er fächert seinen Kamm und lauscht besorgt in die Stille.

Du wagst dich aus dem Unterstand, du einsame Menschenseele. Leere Gondolas schaukeln auf dem See. Von den Bäumen tropft letztes Regenwasser. Der Weg glänzt, der Himmel hat begonnen aufzuklaren. Das Gewitter ist südwärts gezogen mit seinen Blitzen. Stumm umzucken sie die Wolkenkratzer.

Über den Büschen erhebt sich der Bronze-Engel des Bethesda-Brunnens. Und dann klingen dir, vom Fuß des Brunnens wohl, drei oder vier Töne entgegen, übereinandergelappt zu einem klagenden Akkord. Bewegung hinter den Büschen: Köpfe, die zusammenstecken, eine Hand, die eine andere hält, ein Rücken, der seitwärts schwenkt. Du biegst um die Böschung und da ist sie, die verschollene Menschheit: Zwei Dutzend Tänzer drehen sich zu Paaren im Kreise. Regennass klebt die Kleidung an ihren Körpern. Feuchte Strähnen kreuzen die Stirne. Ein alter Mann sitzt am Brunnenrand und spielt ein Bandoneon. Neben ihm klappt ein junger Mann gerade seinen Schirm zu. Das Bandoneon ist trocken geblieben.

Die Tänzer sehen sich nicht an. Sie blicken an dir vorbei. Sie blicken in den Tag, der längst vergangen ist. Der alte Mann spielt das Lied von den letzten Dingen. Tango in Manhattan…”

“… Bei der New Yorker ‘Rhythm Review’, einem nächtlichen Tanzvergnügen des Radiodiscjockeys Felix Hernandez, gilt Salsa als pikante Pause. Hernandez spielt Soulmusik, doch manchmal wirft er die Musik der Salsagrößen Tito Puente und Celia Cruz ein, damit die Tänzer sich von den Rhythmen James Browns und Aretha Franklins erholen können.

Hernandez’ Party hat keine Heimat. Sie wandert mal ins SOB, mal in den Le Poisson Rouge, ein Lokal für Konzerte und Kunst auf der Bleeker Street. Ihre große Zeit erlebte die ‘Rhythm Review’ jedoch im legendären Roseland Ballroom, auf der 52nd Street, Nähe Broadway: Hernandez auf der Bühne des langen, dunklen Saals, unter ihm ein See wogender Köpfe und winkender Arme, zweitausend frohe Seelen. Die Nacht hält die Menschen unentwegt in Bewegung und hält sie zugleich fest; der Tanz beginnt um zehn Uhr abends und bis fünf Uhr morgens, wenn Hernandez seine letzte Musik auflegt, hat noch niemand den Roseland Ballroom verlassen. Die meisten Besucher sind Afroamerikaner, alle aus den Vororten oder aus New Jersey, kaum jemand aus Manhattan. Keine Jeans, keine Turnschuhe. Die meisten Männer tragen Anzüge, die jungen unter ihnen ein weißes Hemd, darüber breite beigefarbene Hosenträger, die alten einen Stock mit Silbergriff dazu und einen gelben, blauen oder roten Hut mit breiter Krempe. Frauen in engen, langen, schwarzen Kleidern oder roten, kurzen Röcken oder silbernen Paillettenkleidern, mit jedem Schwung glitzern hundert kleine Sternchen von den Hüften. Eine kleine Frau trägt eine schwarze Kappe eng um ihren Kopf, daran eine Silberspange und Vogelfeder. Weiße Handschuhe reichen bis zum Ellenbogen. Sie ist eine Katze auf dem Parkett. Die Menge öffnet sich, lässt sie durch, bis sie den Gefährten findet, mit dem sie an diesem Abend spielen wird.

In dieser Nacht kennst du keine friedlichere, glücklichere Welt als das Roseland. Fast alle bewegen sich zu Paaren. Sie berühren sich und sie reiben sich, sie schwitzen, sie kreuzen den Weg anderer Paare, verharren und ziehen weiter. Sie verschenken Raum und nehmen Raum, den ihnen ein anderes Paar angeboten hat. Sie lächeln, lachen, sie lieben die Musik, sich selbst, die anderen. Niemand urteilt, niemand neidet. Um zwei Uhr stellen sich alle mit dem Gesicht zur Bühne auf. Dann spielt Felix Hernandez einen entrückenden Rhythmus, und alle folgen ihm mit den gleichen Schritten und Drehungen. Das ist “Electric Slide” – vier kurze Schritte nach rechts, vier nach links, vier nach hinten, linker Fuß nach vorn, eine halbe Drehung nach rechts, vier kurze Schritte nach vorn, vorgebeugt, die Schultern schüttelnd, ein Schritt zurück, federnd, um sogleich wieder nach vorn zu treten. Fünf Minuten – zehn Minuten – dreißig Minuten – ohne Unterbrechung, ohne dass jemand ausbricht aus der Trance.

Als die Musik aufhört und ‘Rhythm Review’ für dieses Mal endet, liegt Times Square im Zwielicht. Die Reinigungstrucks haben den Platz gerade verlassen. Auf dem Asphalt schimmert das Wasser, das sie versprüht haben. Und in diesen stillen Moment, in den Übergang von Nacht zu Tag strömen die Menschen des Roseland und die Leichtigkeit, die Klarheit und das Glück ihrer Herzen sickert ins Gemüt der schlafenden Stadt…”

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