Leseprobe “Stromer – Storys und Reportagen von den Straßen New Yorks”
Heute: “Tumult im Lesesaal” (Reportage)

“…Es ist jetzt etwa zwei Uhr nachmittags. Wir sitzen hier mittlerweile zu etwa dreihundert Leuten. Die meisten würden den permanenten Tumult leugnen, der von diesen Büchern ausgeht. Worte springen aus den Büchern und tanzen auf den Tischen, wir alle wissen das. Aber wir beugen uns vor und tun so, als würden wir den bunten Aufstand zwischen unseren Mappen und Laptop-Computern nicht bemerken. In Wirklichkeit zieht Chaos durch den Saal. Fragen, Zweifel und Verneinungen schäumen auf. Antworten schießen hoch wie Fontänen. Erkenntnisse schimmern in der Luft. Keine Sekunde gleicht der anderen. In jedem Moment befindet sich der Saal in einem anderen Modus des Denkens. Und die Körpersprache der Arbeitenden verrät die Schwankungen des Geistes, das Zögern vor dem Überschreiten einer neuen Erkenntnisschwelle, die Angst vor der Wahrheit, der Triumph über die Unwahrheit. Aber niemand kann ihrer Versuchung standhalten. Jeder wagt es und liest und denkt kühn voran…”
“ …Manche haben ihren Stammplatz, zumindest ihre Stammregion. Wenn ich in den Lesesaal trete, zieht es mich zur linken Hälfte des Raumes, dort möglichst in die Mitte, und immer setze ich mich mit dem Gesicht zur Tür, ich weiß nicht warum. Der Mann mit den schulterlangen, ungekämmten, blonden Haaren setzt sich niemals in die Mitte eines Tisches, stets ans Ende, in die Nähe der Regale. Seit zwei Wochen trägt er das gleiche blauweißgestreifte Hemd. Über die Stuhllehne hängt sein dicker Pullover wie ein Ertrinkender, der sich kraftlos an die Reling klammert, ein Ärmel berührt den Boden. Als ich an diesem Morgen auf dem Weg zu meinem Platz an ihm vorbeigehe, sehe ich, dass er eine Halbglatze hat. Er arbeitet fieberhaft, sein Schädel glüht. Vor ihm liegen drei Bücher, deren aufgeschlagene Seiten alte Landkarten zeigen. Er schreibt seine Notizen nicht Reihe für Reihe, sondern in kleinen dichten Gruppen, die sich auf dem Schreibblock wie Inseln im Meer verteilen. Neben ihm steht nun eine Frau auf, sie ist etwa Mitte zwanzig. Sie mustert ihren Nachbarn, dann schließt sie ihren Computer ab, der nun mit einem Drahtseil an den Stuhl gebunden ist. Sie geht, der Schlüssel baumelt am Gürtel. Sie ist eine anonyme Stadtbewohnerin, die sich vor den anderen anonymen Stadtbewohnern fürchtet. Sie ist aber die einzige, die ihren kleinen Besitz mit dieser offenen Geste des Misstrauens schützt. Andere klappen ihren Rechner zusammen und tragen ihn auf dem Arm wie ein Baby, wenn sie zur Toilette gehen. Lediglich jene Frau am anderen Ende des Tisches, deren kupferrote Haare zu einem Gestrüpp hochstehen, lässt ihre Sachen kaltblütig liegen. Sie geht davon aus, dass niemand ihre Abwesendheit wahrnimmt, dass die Menschen hier keiner anderen Person Aufmerksamkeit schenken als sich selbst…”
“… Der Lesesaal dämpft jeden Extremismus im menschlichen Verhalten. Es gibt keine Marktschreier, keine Klageführer, keine Wichtigtuer, keine Unwichtigtuer. Die Bücher erwarten einen gewissen Respekt und die uniformierten Wärter, die von Zeit zu Zeit durch den Saal gehen, brechen alles ab, was die Würde der Bücher verletzen könnte. Zischend wecken sie Schlafende auf, flüsternd fordern sie, Bagel und Pappbecher vom Tisch zu nehmen…”

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