
Eine Kurzgeschichte von Bernd Hendricks
(Aus: Stromer – Storys und Reportagen von den Straßen New Yorks, 308 Seiten, ISBN 978-3-819029-09-7, EUR 19,99)
Teil 1 (v. 3)
Er hielt das Telefon quer und wartete, bis im Bild der leuchtende Baum und das Gebäude dahinter und die goldene Figur davor sich schärften. Leute stießen ihn an und murmelten eine Entschuldigung. Im ersten Moment glaubte er, ihre Stimmen zu kennen, Stimmen aus seinem Städtchen Marcala in Honduras. Die Leute verschwanden in der Menge und ihre Stimmen stiegen auf in diese summende Wolke aus Dialekten der spanischen Sprache, die über dem Rockefeller Center schwebte. Es schien, als ob sie alle den gefährlichen Weg aus der Barbarei der Armut, weg vom Terror der Drogenbanden gemacht hätten, um sich unter dem berühmten Weihnachtsbaum zu treffen und ihr Überleben zu feiern, bevor sie auseinandergingen in die vielen Richtungen in dieser großen Stadt und in diesem großen Land.
Nun richtete er das Telefon ein bisschen tiefer. Ins Bild kamen Alejandra und die kleine Frida. Alejandra hielt die kleine Frida bei der Hand. Die andere Hand lag auf ihrem schwangeren Bauch. Fridas Augen glänzten. Alejandra blickte ernst in die Kamera.
Er drückte auf den Kreis im Display.
“Lass mich sehen”, sagte Alejandra und strahlte.
“Du lächelst nicht”, sagte er.
“Mami lächelt doch”, sagte Frida.
“Ja, jetzt, aber nicht, als ich das Foto gemacht habe.”
Alejandra musterte das Bild mit einem Ausdruck der Zufriedenheit.
“Noch mal”, sagte sie.
Sie stellte sich wieder mit Frida auf, ohne die Hand von ihrem Bauch zu nehmen. Er knipste.
“Du hast wieder nicht gelächelt”, sagte er.
Er hielt ihr das Display zur Begutachtung hin, aber sie nahm ihn beim Arm und drückte Frida an sich. Sie wandten sich dem Weihnachtsbaume zu.
“Es ist doch ein schönes Foto geworden”, sagte Alejandra.
“Aber du hast es doch gar nicht gesehen”, sagte er.
Alejandras Gesicht leuchtete an seiner Schulter auf, sie blinzelte hoch.
“Siehst du”, sagte er. “Jetzt lächelst du wieder.”
Ein Licht tauchte das Gebäude in helles Blau. Stolz ragte es hoch, das Monument großer Verheißungen. An den Seiten wehten Fahnen aus goldenem Stoff. Der Baum glitzerte in zehntausend Farben.
Die kleine Frida löste sich aus der Umarmung der Familie.
“Seht ihr”, sagte sie und deutete hinüber. “Der Baum ist stark. Er muss so viele Lichter tragen.”
*
Wenn Handsman an der Laterne steht und sich eine Zigarette anzündet, wenn er das Nikotin ein- und die Bedrängnisse des Dienstes ausatmet, wenn er dabei frei von irdischen Gedanken den steinernen Adler über dem Eingang des Postamtes betrachtet, wie er seine Flügel zum Schutze von Sternenbanner und Nation ausbreitet, überkommt ihm patriotische Ergriffenheit. Dann dankt er sich selbst.
“Danke für deinen Dienst am Vaterland”, murmelt er.
Er dient Amerika bei allem, was er tut, seinerzeit als Marinesoldat im Irak, heute als Leiter des Postamts an der 4th Avenue. Er führt das Postamt, sorgt für Disziplin im Innern, und draußen identifiziert er Feinde wie diese Frau, die sich da ungeschminkt und in ihren flachen Schuhen nähert. Amerikanische Liberale erkennt er an ihrer Art zu gehen, an ihren leisen Tritten. Die haben Angst, der Erde wehzutun. Handsman hat der Erde wehgetan, das gesteht er offen. Er hat auch Menschen wehgetan, manche musste er sogar töten. Das muss man manchmal machen, wenn man Amerika liebt und den amerikanischen Lebensstil schützen will.
Handsman zieht an der Zigarette und hält den Rauch in der Lunge, bis die Liberale auf seiner Höhe ist. Jetzt bläst er ihn aus und langgezogen wie ein Marschflugkörper treibt die Wolke ihrem Gesicht zu. Handsman hofft, dass sie die Nase rümpft, wenn der Rauch sie trifft, und hofft noch mehr, dass sie dann was Abfälliges sagt. Er plant zu antworten, er könne tun und lassen, was er wolle, denn er lebe in einem freien Land, für das er mit der Waffe in der Hand gekämpft habe. Er zweifelt, ob er das in Ruhe sagen kann, ob die Wut nicht durchbricht, ob er sie nicht anherrscht, sie eine Schlampe nennt oder eine Sozialistin gar. Er ist hier nicht auf dem Schlachtfeld, nicht unter Kameraden. Er bekleidet eine Position in diesem Postamt. Sie hat vielleicht Soziologie oder Geschlechterbeziehung studiert, ist möglicherweise Anwältin oder kennt jemanden, der jemanden bei der New York Times kennt. Die würden eine Hetzjagd gegen ihn lostreten. Man weiß ja, wie das läuft.
Ein Windchen hebt sich, es spielt nicht mit und löst den Schwaden auf, noch ehe die Frau ihn sieht und noch ehe sie Handsman bemerken könnte, hat sie abgedreht und das Postamt betreten. Handsman saugt an der Zigarrette. Die Glut bescheint die Finger. Schweiss nässt seine Achseln.
Handsman hatte im Irak geraucht, nach Irak aufgehört, aber nach den Ankündigungen des Postmaster General wieder angefangen. Dreitausend Postämter sollen geschlossen werden, dreißig in New York, welche, wurde nicht mitgeteilt. Nur die gewinnbringenden sollen übrig bleiben, diejenigen, die mit den wenigsten Mitarbeitern am meisten leisten, hatte der Postmaster General geschrieben. Zusteller zu triezen und dann zu feuern, treibt Handsman nicht so um, dass er sich mit Nikotin beruhigen müsste. Ihn sorgt, die Vorgaben des obersten Bosses nicht erfüllen und seinen Posten am Ende räumen zu müssen. Die Schließung des Postamts, seines Postamts, würde sich als Makel auf sein Leben legen. Die Flagge über der Tür würde eingerollt. Ein Rückzug in Schande ist der Angsttraum des Marinesoldaten.
Auf dem Gehsteig aus der Richtung 3rd Avenue rollt ein Fahrrad auf ihn zu. Er hat darauf gewartet. Eine graue Gestalt kauert auf dem Sattel. Der Oberkörper pendelt seitwärts mit jedem Pedalentritt. Das ist ein weiterer Feind, kein Liberaler, keiner mit vorlauter Schnauze und moralischem Diktat, keiner mit guten Verbindungen zur Elite. Dieser Feind ist still und emsig, wühlt und wuselt, untergräbt mit seiner Anspruchslosigkeit und verdrängt mit Ketten-Einwanderung sein Volk, Handsmans Volk. Das Fremde, das Dunkle erkennt Handsman schon von weitem, da hat sein Soldatenauge an Schärfe nichts eingebüßt. Marinesoldaten legen nicht auf Männer ihresgleichen an. Er kneift das linke Auge zu. Zielübung. Handsman lässt die Zigarette fallen. Die Zigarette prallt auf die Bordsteinkante. Fünkchen stieben, sie hüpft zur Senke, fällt hindurch, die Glut verschwindet in der Tiefe. Treffer, denkt Handsman und streckt die Finger, als wären sie steif geworden vom Griff an der Waffe.
Vor fünfzehn Minuten hat Handsman die Pizza bestellt. Der Mann, der sie ihm bringen soll, ist ein Latino, der sich pflegt, Wert aufs Äußere legt. Die Haare glänzen und sind glatt zum Scheitel gekämmt. Die Augenbrauen zieht er zusammen als wäre er in Gedanken vertieft. Er trägt eine gefütterte Jacke. Die Jacke ist makellos. Handsman würde es nicht wundern, wenn er an ihr noch das Preisschild fände. Trägt Handschuhe trotz des milden Novemberwetters. Was wird er machen, wenn die Temperaturen fallen? Ist die Kälte wohl nicht gewöhnt. Kälte wird er bald spüren.
Diego steigt ab. Er schätzt, wie lange er für die Lieferung brauchen, ob er die Pizza nur an der Tür abgeben wird. Das Fahrrad abzuschließen kostet Zeit. Er schaut sich nach Passanten um, nach solchen, in denen er Diebe zu erkennen glaubt, und erblickt Handsman an der Laterne. Für eine Sekunde hängt sein Blick an Handsmans Hemd. Warum trägt dieser Mann in diesem Wetter nur ein Hemd? Er hebt die Pizzaschachtel aus der Box am Lenker und tritt zur Tür.
Handsman wartet, bis er klingelt, bis die Tür sich einen Spalt weit öffnet, bis eine Person – der lange Untermanager Tusk wahrscheinlich, denn der Mann schaut hoch, als er spricht – ihn hineinwinkt, bis der Mann sich nochmal nach dem Fahrrad umsieht, bis die Türe schließt. Einen Augenblick lässt Handsman noch vergehen, dann geht er zum Gebäude, ergreift das Rad beim Sattel und schiebt es an der Tür vorbei, schiebt es in die Lieferbucht des Gebäudes, wo die Lastwagen jeden Morgen die Post anliefern. Er lehnt es an die Rampe. Dann drückt er auf den roten Knopf. Knarrend senkt sich das Rolltor zwischen Lieferbucht und Straße. Von hier, durch die Innentür, betritt Handsman das Postamt. Der Pizzamann wird das Fahrrad nicht mehr brauchen.
Diego ist überrascht, den Mann im Hemd von vorne kommen zu sehen, obgleich er ihn draußen hinter sich gelassen hat. Diego dreht sich um zur Tür. Tusk steht davor, notiert was an seinem Klemmbrett.
Handsman ruft: “Da ist ja meine Pizza.”
Diego streckt die Pizzaschachtel aus. Der Kassenbon klemmt unter seinem Daumen. Handsman übernimmt sie samt Bon. Diego wartet darauf, dass Handsman mit einer Hand zur Hosentasche greift und Geld rausholt, doch Handsman schaut ihn nur an.
“Sprichst du Englisch?”, fragt er.
Diego spricht kein Englisch außer thank you, please und good bye. Er kann die Zahlen sagen.
“Fünfzehn Dolla’.”
“Quince pesos”, sagt Handsman, lacht auf, bis er sieht, dass Diego zustimmend lächelt. Dann erstarrt Handsmans Gesicht.
“Ich habe gefragt, ob du Englisch sprichst.”
“Fünfzehn Dolla’ please, Sir.”
Handsman deutet mit dem Kopf auf die Pizzaschachtel.
“Dokumente”, sagt er.
Diego zeigt auf den Bon.
“Fünfzehn Dolla’.”
Handsman schüttelt den Kopf.
“Tusk”, ruft er. Tusk erscheint hinter Diego. Diego erschrickt, tritt zur Seite. Handsman rührt sich nicht vom Fleck.
“Tusk, holen Sie ein paar zuverlässige Männer.”
Tusk verschwindet.
“Dein Name. Nombre?”
Diego nickt. “Diego. Fünfzehn Dolla’.”
“Pass.”
Diego hat sich oft gefragt, wo und wie der Moment passieren, wo und wie man ihn danach fragen, hat sich ausgemalt, wie die Person aussehen könnte, die ihm mit diesem Wort gegenübertritt, jemand in Uniform oder in Zivil, eine Frau oder ein Mann. Wo immer er ist, prüft er die Gesichter und versucht, Häscher zu erkennen. Er meidet Plätze, an denen sie auf ihn warten könnten. Wenn er Frida zur Schule bringt, bleibt er immer an der Straßenecke zurück. Alejandra hat Elisa ohne ihn zur Welt gebracht, denn der Warteraum des Krankenhauses ist eine Falle. Seit Wochen geht er nicht mehr zur Kirche. Der Pastor seiner Iglesia de La Luz hat davor Autos parken und in den Autos Männer in Zivil sitzen sehen. Eine Razzia in Sunset Park stehe unmittelbar bevor, hat der Pastor vermutet.
Jeden Morgen, wenn Diego das Haus verlässt, stellt er sich die Flucht vor. Er würde mit einer Körpertäuschung ausweichen, dann die Straßen am Bordsteinrand entlanglaufen und in einem Augenblick die Straßenseite wechseln, wenn es die Häscher nicht vermuten. Hätte er das Fahrrad zur Hand, würde er bis zur nächsten Kreuzung rasen und es den Häschern, wenn sie ihn mit dem Auto verfolgen, vor die Seitentür werfen und damit wichtige Sekunden gewinnen. Mit Alejandra hat er ein Signal ausgemacht, ein Emoticon über WhatsApp: ein Herzchen. Sie würde dann die Kinder nehmen und den Koffer, den sie mit dem Nötigsten gepackt und bereitstehen haben, und nach Newark in New Jersey fahren, wo sie sich bei Carlos treffen, einem Freund. Sie schreiben sich oft, manchmal nur einen Satz, manchmal nur ein Wort der Zuneigung – cariño, cariña – oder nur ein Emoticon – ein lächelndes, lachendes, keckes oder staunendes Gesichtchen –, aber niemals ein Herzchen. Das Herzchen ruft den Notfall aus, wenn Diego oder Alejandra keine Zeit mehr haben zu schreiben.
“Pass. Und Visum”, sagt der Mann im Hemd.
Diego versucht zu lachen, als reagierte er auf einen Scherz.
“Pasaporte?”, wiederholt er und jetzt, da er dieses Wort selber sagt, begreift er, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist. Die Tür ist nur ein paar Schritte entfernt. Er könnte sich umdrehen und rausrennen. Der Mann im Hemd hat noch die Pizzaschachtel in der Hand. Er müsste entscheiden, ob er sie hinlegt oder zur Seite wirft und ihm nachsetzt. Diego wäre dann schon draußen, bevor der Mann im Hemd die Tür erreichen würde. Zur Pizzabäckerei kann er nicht mehr zurück. Die Häscher würden dort bereits auf ihn warten. Bei genügendem Vorsprung würde er stehen bleiben und Alejandra das Herzchen senden, dann zu Penn Station weiterrennen und hier den Zug nach Newark nehmen.
Diese Bilder schwirren durch den Kopf, aber zu seinem Erstaunen folgen ihnen seine Füße nicht. Er spürt den Puls langsam steigen. Er möchte rennen, doch als er sich auf seine Füße konzentriert, scheint es, als hielte sie eine tonnenschwere Last, die Last seiner Pläne, die Last der Nächte, in denen er mit Alejandra jedes Detail besprochen hat. Er schaut hinunter zu den Füßen.
“No tengo papeles aquí.” Hier habe er keine Papiere.
“Was?”, fragt Handsman.
Es ist eh zu spät. Tusk ist mit drei Männern erschienen. Sie tragen dunkelblaue Arbeitshosen. Zwei sind kleiner als Diego. Vom dritten Mann sieht er den breiten Hals und die grauen Augen, die ihn von oben herab mustern als wäre er ein Dieb. Gerade noch versagten ihm die Füße, aber in ihm hat noch ein Wille gesteckt. Nun trifft ihn wie ein Schlag, womit er nie gerechnet hat, nämlich die Erkenntnis eines kolossalen Versäumnisses. Er glaubt, er muss sich übergeben, so überwältigend, so widerlich ist ihm der Gedanke: An alles haben er und Alejandra gedacht, sie hielten die Batterien der Telefone stets geladen, haben die Kleidung auf den Stühlen vor den Betten gelegt und Geld in Alejandras Jacke eingenäht, haben sich ausgemalt, wie sie von New Jersey aus nach New Mexico fahren und dort ein neues Leben aufbauen würden, aber nicht ein einziges Mal haben sie darüber gesprochen, was passiert, wenn ihm die Flucht misslingt, wenn die Häscher ihn wirklich fassen, wenn er das Herzchen nicht senden kann, wenn er für Wochen, für Monate ins Abschiebegefängnis verschwindet. Was passiert, wenn sie ihn verhören, wenn sie wissen wollen, wo seine Familie wohnt? Er wird Alejandra und die Kinder doch nicht verraten können.
“Durchsucht seine Jacke”, sagt Handsman.
Sie sehen sich an. Der Mann mit dem breiten Hals tritt vor, aber Tusk ist schneller, fährt mit der Hand durch die Taschen, zieht Telefon und Brieftasche heraus.
“Passwort”, sagt Handsman. Diego schweigt.
“Steck ihm das Telefon wieder ein. ICE hat schon Methoden, sein Passwort zu finden.”
Der Mann mit dem dicken Hals grinst. Tusk zögert, schaut Handsman fragend an, dann steckt er Diego das Telefon wieder ein.
Handsman nickt zur Pizzaschachtel zwischen seinen Händen.
“Drauflegen.”
Tusk legt die Brieftasche drauf. Sie ist flach, leicht, aus Plastik, an den Rändern abgenutzt vom vielen Tragen.
“Festsetzen, bis sie kommen”, sagt Handsman.
“Sollten wir es ihm sagen?”, fragt Lester.
“Was?”
“Dass sie kommen und ihn zurückschicken.”
“Lester, eisernes Prinzip im Feld: Lass deine Gefangenen immer im Unklaren. Teile ihnen nie deine Absichten mit.”
“Jawohl, Sir.”
“Die Pizza wird kalt”, sagt Handsman. Als er geht, schwebt der Kassenbon herunter.
Tusk sieht auf seine Armbanduhr wie immer, wenn ihm etwas unangenehm ist.
“Stuhl”, sagt er.
“Was? Sprich lauter”, sagt Lester.
“Stuhl für ihn.”
“Hier gibt’s keine Stühle. Hier gibt’s nur Arbeit”, sagt Lester.
“Als ob wir nichts Besseres zu tun hätten, als auf einen Illegalen aufzupassen”, sagt Pearl, der dritte der Männer.
“Wenn er sitzt, kann er nicht weglaufen”, sagt Tusk.
“Dann lass ihn auf dem Boden sitzen”, sagt Lester.
“Oder sperr ihn ein”, sagt Pearl.
“Unbefugte dürfen Diensträume nicht betreten”, sagt Tusk.
“Wir könnten ihn in die Toilette einsperren. Die Toilette ist kein Dienstraum”, sagt Lester.
“Schick ich ihn dann raus, wenn ich scheißen muss?”, fragt Pearl.
“Haltet die Klappe”, sagt Foster. Eine Vene tritt auf seinem breiten Hals hervor. Die kleinen Augen fixieren Diego. “Wir sind Bundesangestellte. Angestellte des Staates. Wir schützen unser Land hier. Das ist unsere Pflicht. Und ihr redet wie Waschweiber.”
Lester zuckt mit den Schultern.
“Bundesangestellte. Nicht Bundesagenten”, sagt Pearl.
Tusk schaut wieder auf die Uhr. Die ersten Briefträger kommen bald von ihrer Tour zurück. Er muss sie kontrollieren und braucht sein Klemmbrett, an dem er sich festhalten kann, muss an der Türe stehen, nur denen sichtbar, die beim Betreten nach ihm Ausschau halten. Nur so fühlt er sich sicher. Bevor er verschwindet, sagt er:
“Achtet drauf, dass er nicht telefoniert.”
Handsman betritt sein Büro. Ihm fällt auf, was er sonst nicht bemerkt, nämlich der Geruch von den Pizzaresten der vergangenen Tage. Der Geruch bleibt, wenngleich die Putzfrau die Schachteln weggeräumt und den Raum mit scharfen Mitteln geputzt hat. Er fühlt eine Nervosität auf seiner Haut, eine, die er mag, weil sie seine Sinne öffnet wie damals bei den nächtlichen Haussuchungen im Irak. Da roch er Angstschweiß hinter den Mauern, hörte jedes Flüstern und sah die Gesichter, noch bevor er die Türen eintrat.
Die Rufnummer von ICE kennt er nicht, er wird sie finden. Er zieht sein Telefon heraus und für einen kurzen Moment denkt er, er hätte das Telefon des Illegalen konfiszieren sollen. Aber Gedanken an Fehler geben ihm ein schlechtes Gefühl. Und so öffnet er die Brieftasche des Illegalen. Ein Zwanzig-Dollar-Schein rutscht heraus, in der Seitentasche steckt ein Foto. Das Foto zeigt eine Frau und ein Mädchen. Das Mädchen trägt Zöpfe. Sie strahlt in die Kamera, hält die Hand der Frau. Die Frau ist schwanger. Auf den Bauch hat sie eine Hand gelegt. Sie blickt ernst und unerbittlich. Handsman hält ihren Blick wie er den Blick jener Frau in Fallujah gehalten hatte; sie hatte ein Messer in der Hand gehalten und auf seine Stiefel gespuckt, dann hatte er abgedrückt. Eine Kugel für den Hochmut.
Das Foto wurde am Rockefeller Center gemacht. Hinter der Frau und dem Mädchen drängen sich hunderte Menschen dem leuchtenden Weihnachtsbaum entgegen. Das Foto muss wohl letztes Jahr entstanden sein. Der diesjährige Tannenbaum steht zwar schon, aber erst nach Thanksgiving wird man seine Lichter einschalten. Sonst findet er nichts, was er den ICE-Leuten als eigene Recherche vorbringen könnte. Auf dem Zwanziger entdeckt er ein paar Worte, die jemand um den Banknotenkopf geschrieben hat: “Auch dich raub ich aus.” Der Spruch endet am Namen des Konterfeis: Jackson. Andrew Jackson, erinnert sich Handsman, war Präsident und General, der die Indianer in großen Schlachten schlug. Die einzigen guten Indianer, die er kenne, seien tote Indianer, hatte Jackson gesagt. Warum mussten zweihundert Jahre vergehen, bis ein Präsident wieder das Blut des Volkes vor Verunreinigung schützt und sich um die Grenze kümmert? Die Migranten fallen vom Süden her ein, bringen Drogen, stehlen und vergewaltigen und nichts würde passieren, wenn Männer wie er nicht handeln würden. Handsman faltet den Zwanzig-Dollar-Schein und schiebt ihn in seine Hosentasche. Der Illegale hat wahrscheinlich die Wohlfahrt gemolken. Die Frau hat das Baby in einem New Yorker Krankenhaus zur Welt gebracht und nichts dafür bezahlt. So dürfte es kein Diebstahl sein, wenn ein bisschen wieder zu Gunsten eines Veteranen zurückfließt, geziert zumal mit dem Kopf eines großen Amerikaners.
Die Pizza wird kalt, er muss sie essen. Er öffnet die Schachtel. Warmer Käse dehnt sich zwischen Pizza und Deckel. Die Pizza ist schon geschnitten. Er schiebt das erste Stück in den Mund. Die schwarze Olive ist weich und zergeht auf der Zunge. Der nächste Bissen, so kündigt ein Duft an, wird mit Sardine kommen. Handsman kann genießen und ICE kann warten. …Ende Teil 1.

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