Pizzamann, Teil 2

… Im Foyer des Zustellerraums hat sich unterdessen Lester vorgebeugt und in Diegos Gesicht gesprochen.

“Woher kommst du?”

Diego zuckt mit den Schultern, will wegsehen, doch sein Blick trifft Foster, der das Kinn hebt und das Gefühl genießt, das ihm die kleine Macht gibt.

Lester stellt sich auf die Fußspitzen. “Der ist nicht aus Mexiko. Mexikaner sind kleiner.” Er fragt Diego: “Kolumbien?”

“Wenn er aus Kolumbien wäre”, sagt Pearl, “hätte er uns schon Lincolns Gesicht gezeigt. Die kaufen sich frei, wenn sie die Möglichkeit sehen.”

Pearl tritt näher.

“Mexiko?”

“Zurücktreten”, fordert Foster. “Gespräche mit Gefangenen sind untersagt.”

Pearl tritt zurück, Lester verharrt.

Lester: “Du bist nicht unser Kommandeur, Foster.”

Foster: “Sag nicht meinen Namen.”

Lester: “Wieso? Hast du Angst, dass er dir Blumen schickt?”

Pearl: “Er hat Recht. Wir sollten hier keine Namen nennen. Der Mann gehört vielleicht zu M-13. Die merken sich deinen Namen, spüren dich auf, wo immer du bist, und bevor sie dich umbringen, foltern sie dich. Das sind Sadisten. Gangster und Sadisten.”

“Ist gut jetzt”, fordert Foster.

Von der Seite schallt Lachen. Drei Arbeiter vom Posteingang, Fly, Cole und Nate kommen vorbei, prusten über einen Witz, den sie sich gerade erzählt haben müssen, und schütteln dabei den Kopf.

“Da wird der Hund in der Pfanne verrückt”, sagt Fly. “Und die Wurst denkt: ‘Besser er als ich.’”

Cole kichert. Nate stößt Fly mit dem Ellenbogen an.

“Was’s los da? Meeting?”

Fly blickt rüber.

“Wir haben hier einen Illegalen”, ruft Lester.

“Einen was?”, fragt Fly.

Die drei nähern sich, Hände in den Taschen.

“Ihr geht besser gleich weiter”, sagt Foster.

“Warum? Weil du es sagst?”, fragt der dritte, Cole.

“Wir haben hier einen Mexikaner”, sagt Pearl. “Illegal. Übergeben wir ICE.”

“Wie kommt er hier rein?”, fragt Fly.

Pearl: “Pizzamann. Lieferung für Handsman.”

Lester: “Und Handsman hat ihn festgesetzt.”

Pearl: “Du weißt, Handsman hat eine Nase für solche Leute.”

Fly: “Für solche Leute?”

Pearl: “Er war im Irak. Veteran.”

Fly: “Irak? Was hat das mit Irak zu tun?”

Cole: “Vielleicht ganz viel.”

Nate bückt sich nach dem Bon.

“Hat Handsman die Pizza bezahlt?”, fragt er.

“Offensichtlich nicht”, sagt Lester.

“Frag’ den hier, ob der was bezahlt”, sagt Foster. Er deutet mit dem Kopf auf Diego. “Steuern zum Beispiel. Illegale zahlen keine Steuern. Genießen aber unser soziales Netz.”

“Dafür arbeitet er für einen Sklavenlohn. Gleicht sich aus”, sagt Nate.

Fly: “Das ist lächerlich hier. Lasst ihn gehen.”

Foster: “Wir haben den Auftrag, den Mann festzuhalten, bis ICE kommt. Und die Pflicht, muss ich hinzufügen.”

Fly: “Pflicht?”

Pearl: “Wir sind Angestellte des Staates.”

Foster: “Ihr solltet weitergehen und eure Arbeit machen.”

Fly: “Was bist du? Handsmans Hampelmann?”

Nate und Cole lachen, Lester grinst und schaut zu Boden, als Fosters Blick ihn streift.

“Und nun?”, fragt Cole. “Willst du uns anscheißen?”

Fly fragt Diego: “Sprichst du Englisch?”

Diego schaut ihn an.

“Nope”, sagt Lester.

Fly: “Handsman hält also jemanden mit eurer Hilfe fest und raubt seine Freiheit, weil er was? Kein Englisch spricht?”

Foster: “Er hat keine Papiere.”

Fly: “Aja? Und du? Zeig mir deine Papiere. Bist du legal hier?”

Foster: “Ich bin Amerikaner, du weißt das.”

Fly: “Deine Vorfahren? Sind die legal gekommen?”

Nate: “Ich kenne keinen, dessen Vorfahren nicht irgendwie das Gesetz umgangen haben.”

Cole: “Es sei denn, Fosters Vorfahren kamen mit der Mayflower.”

Nate: “Mit dem Sklavenschiff auf jeden Fall nicht.”

Pearl: “Wir sollten hier keine Namen nennen. Der Mann ist vielleicht M-13.”

Cole: “Okay. Dann nennen wir ihn Mister Mayflower.”

Foster sieht rüber zu Tusk.

“Tusk!”, ruft er.

Cole: “Hast du nicht gehört, Foster? Wir sollten keine Namen nennen.”

Fly und Nate lachen.

Tusk reagiert nicht. Die ersten Zusteller sind von ihrer Tour eingetroffen, schauen rüber, während Tusk ihre Zustellwagen kontrolliert. Wenn er sich dem nächsten zuwendet, gehen sie zu ihren Arbeitsplätzen, zu ihren Nischen. Die Wände der Nischen bestehen aus Regalen. Jedes Regalbrett ist mit Fächern unterteilt, in welche die Zusteller morgens die Briefe nach Straßen und Hausnummern sortieren. Jetzt stempeln sie Briefe ab, deren Empfänger verzogen sind, oder schieben solche, die sie heute nicht zustellen konnten, zurück in ihre Fächer. Um Tusk stauen sich die Eintreffenden.

Diego reckt seinen Hals, schaut über Fosters Schulter.

Fosters Kopf dreht sich, als wollte er Diegos Blicken hinterherjagen.

“Lass dir nicht einfallen, hier wegzulaufen, mein Freund.”

Fly: “Willst du ihn mit Gewalt aufhalten?”

Foster: “Tusk!”

Einige im Pulk an der Tür blicken auf.

Cole hebt seinen Arm.

“Hier wird ein Mann festgehalten”, ruft er.

Jayla schiebt ihren Zustellwagen zur Seite und schlendert auf die Männer zu.

Fly fragt Pearl: “Wo ist Handsman?”

“In seinem Büro und isst Pizza, nehm ich an.”

Foster: “Er ruft ICE an. Und da gibt es nichts, was du dagegen machen kannst.”

Fly überlegt, ob er zu Handsman gehen, ihn zur Rede stellen soll. Will er ihn beschimpfen oder freundlich bitten? Würde er ihn mit Drohungen überzeugen können, den Pizzamann laufen zu lassen? Was könnte er ihm vorhalten? Handsman verachtet die Mitarbeiter. Ihn interessieren ihre Lebensverhältnisse wenig, weniger noch ihre brennenden Füße nach einer Tour, ihre brennenden Augen nach einer Doppelschicht. Das ist ja seine Arbeit, seine einzige Funktion. Er verstößt nicht gegen Gesetze, wie sollte er auch, wenn er selbst die Essenz der Gesetze ist. Sie würden sich anschreien. Fly würde nicht weichen, auch wenn Handsman sich vor ihm aufbauen würde wie ein Drilloffizier im Marine-Corps. Handsman ist die Macht im Postamt. Er wird ihn des Gebäudes verweisen und ihn morgen in ein entferntes Postamt versetzen.

Fly senkt den Kopf und erblickt vor seiner Fußspitze eine Kakerlake, mit der das Leben hadert. Sie hat sich gerade auf die Hinterbeinchen gestützt, ihre Fühler tasten zur Seite. Sie ahnt nicht, dass es mit ihr in jeder Sekunde aus sein kann, wenn einer einen Schritt zur Seite macht. Sie ist jung, ihre Schale hellbraun und glänzend, sie hat noch nicht viel vom Dreck der Welt gesehen. Jetzt wandert sie weiter, stößt gegen Flys Schuh, weicht zurück, tippelt gegen den nächsten, rennt zurück, rennt gegen einen anderen Schuh und treibt blind, arglos, dumpf durch die Landschaft aus stumpfen Kolossen, aus schwarzen, grauen, schmutzigweißen, zerkratzten, lädierten Schuhen. Die Sohlen sind abgelaufen, die Seiten zerschlissen, die Stoffe ausgefranzt von den Mühen der Arbeit. Fly hört, wie die Stimmen lauter werden. Erregung wallt auf, eine Aggression braut sich zusammen. Unten, an ihren Füßen sind alle gleich. Fly kann nicht sagen, wessen Schuhe er sieht, ob diese dort Nate gehören oder Foster oder Pearl, dem Pizzamann oder ihm oder Jayla, die gerade Cole mahnt, sie ausreden zu lassen.

“Nichts gegen Einwanderer”, sagt sie, “aber die nehmen unsere Jobs weg.”

Die Schuhe sind billig. Sie tragen schwer, nicht weit, nicht ins Paradies, aber sie sind noch solide genug, einen Menschen zu zertreten. Die Kakerlake hat ihren Weg gefunden, sie huscht die Wand entlang und verschwindet ins Dunkel.

Über die Freiheit des Pizzamanns wird hier entschieden, nicht in Handsmans Büro, denkt Fly.

“Nate”, sagt er. “Ich bin gleich wieder da.”

In Handmans Büro landet der Pizzakarton gerade auf die Fensterbank. Drinnen poltern noch die Pizzaränder, die Handsman übriggelassen hat. Mit seiner Wurfhand ist Handsman ganz zufrieden. Appetit hat er noch, aber die Ränder sind trocken und hart. In Situationen wie diese ist sein Hunger unstillbar, aber solange er Hunger hat, frisst er, und solange er frisst, ist jeder Mensch ein Fressen. So lautet die Regel des Krieges. Handsman weiß es, die anderen wissen es nicht. Hinter der Tür steigt ein Summen auf, Stimmen der Betriebssamkeit, die Handsman mit Verachtung erfüllen: Die Zusteller kehren zurück. Handsman hofft, dass Tusk, der die Taschen kontrolliert, auch ein Auge auf den Gefangenen wirft und auf die Männer, die ihn bewachen.

ICE versteckt sich nicht. Google liefert ihm die Adresse des New Yorker Büros auf West 26th Street beim ersten Antippen, darunter die Telefonnummer. Er wählt und hört schon eine Stimme. Er kaut noch, so schnell hat er sie gefunden.

Immigration and Customs Enforcement Agency, was kann ich für Sie tun?”

“Mein Name ist Handsman. Ich bin Leitender Manager des Postamts Cooper Station, 4th Avenue, East Village. Ich habe hier einen illegalen Einwanderer in Gewahrsam.”

Fly hat sich in die Nähe der Postamtstür begeben. Feuchtkalte Luft weht hinein, wenn sie sich öffnet. Er weiß, er ist unter den Zustellern beliebt, doch er hat den Eindruck, dass sie ihn heute nicht wie sonst grüßen, als ahnten sie seine Absichten. Ihre Kleidung tropft. Die Schuhe quietschen und hinterlassen regennasse Abdrücke. Den ganzen Tag haben Novemberwinde die Wolken zwischen die Hochhäuser gepresst. Die Zusteller haben den Regensturz kommen sehen und gehofft, noch rechtzeitig ins Postamt zu gelangen – vergeblich. Warum sollten sie also Fly, der im Trockenen Dienst tut, noch fröhlich grüßen? Fly hält inne, fragt sich, ob seine Absichten redlich sind. Er will keine Tricks mit seinen Kollegen spielen. Die Zeit drängt. Die ICE-Beamten könnten bereits in ihrem Dienstwagen sein und Handsman auf dem Weg zur Tür, um sie zu empfangen.

Er beginnt in der letzten Nische bei seiner Vertrauten, bei Clara, die oft zustimmt, wenn er seinen Kollegen etwas sagt, die spricht, wenn ihm die Worte fehlen. Sie sitzt an Formularen.

“Clara.”

“Tut mir Leid, hab keine Zeit.”

“Wir haben eine Versammlung.”

“Morgen?”

“Jetzt.”

“Was hat Handsman wieder zu scheißen?”

“Handsman ruft gerade ICE an. Lässt einen Pizzamann im Vorraum festhalten.”

“Ich habe beim Reingehen Foster gesehen. Cole und Nate. Hab mich gewundert.”

“ICE kommt, holt ihn ab und wird ihn abschieben. Und das in unserem Postamt, vor unseren Augen.”

“Du willst also eine Versammlung machen?”

Fly nickt.

“Und dann?”

“Wir alle werden den Pizzamann nach draußen geleiten und hoffen, dass ICE ihn nicht fasst.”

“Du kleiner Träumer. Handsman wird uns feuern.”

“Nicht, wenn wir alle da stehen. Er kann nicht alle feuern.”

Clara steht auf. Ihr Blick wandert durch die Nische. Ihre Hand fährt über den Zustellwagen, als ob sie einen Hund streicheln wollte.

“Dann lasst uns zu den anderen gehen”, sagt sie. Sie klingt traurig. Fly geht voran, doch vor der Nachbarnische hören sie bereits den Ruf:

“Lass mich in Ruh’, Fly. Ich hab’ zu tun. Meine Füße sind nass.”

“Lass mich rein”, sagt Clara zu Fly. “Meine Füße sind auch nass. Das verbindet.”

Clara rein, redet, kommt mit Camila raus.

“Hast du mit ihm gesprochen?”, fragt Camila.

“Mit Handsman?”, sagt Fly.

“Mit dem Illegalen”, sagt Camila.

“Ich spreche kein Spanisch”, sagt Fly.

Camila: “Er spricht kein Englisch. So sollten wir’s sagen.”

“Wir machen eine Versammlung”, sagt Fly.

“Mit Handsman?”

“Mit mir, dir, Clara, allen. Handsman brauchen wir nicht.”

“Und was ist dann das Thema?”

“Solidarität.”

Das Wort, wonach er so gerungen hat, ist raus, das Wort, das niemand mehr ausspricht, das so altmodisch klingt wie Vietnamkrieg oder Mondlandung, das Ding, das niemand mehr zu benötigen scheint, von dem alle träumen, in der Nacht, wenn sie nur ihren Atem hören und wenn die Einsamkeit die Bettdecke entlang kriecht, runter zu den Füßen, durch die kleine, kalte Wohnung, deren Miete gestern wieder gestiegen ist, zu den Brotboxen der Kinder, die sie morgen irgendwie füllen müssen, bevor sie zur Schule gehen.

Camilas Blick verdunkelt sich, als ob sie über die Bedeutung dieses Wortes grübeln müsste. Sie schüttelt den Kopf.

“Du wirst sehen”, sagt Clara. “Wenn wir alle zusammenstehen, hast du keine Angst mehr.”

“Sag das mal auf einem Subway-Bahnsteig”, sagt Camila. Clara lacht. Camila hebt die Schultern. “Dann mal los”, sagt sie.

Curtis kommt mit, Joshua auch und ruft “endlich”, aber niemand weiß, was er meint. Billy kommt mit und Marion kommt mit, aber nur, wenn die Versammlung fünf Minuten dauert.

Bold weigert sich.

“Fly. Du bist ein Agitator. Auf dich falle ich nicht rein.”

“Das kannst du auf der Versammlung sagen”, meint Joshua.

Bold schweigt und dreht sich seiner Arbeit zu.

Clara, Camila und Joshua ziehen weiter zu anderen Nischen und kommen mit den Zustellern raus.

Brown lehnt am Eingang seiner Nische und beobachtet den Auflauf. Er fingert an seinen Rastalocken, aber als Fly ihn anspricht, verschränkt er die Arme über seinem Bauch.

“Versammlung”, sagt Fly. “Am Eingang wird ein Pizzamann festgehalten.”

“Wie kommt’s, dass du die Ansage machst und nicht Handsman?” Browns Stimme schwebt und steigt am Ende und dehnt das “man” des Handsman bis zur Karibik.

“Handsman schickt mich nicht. Er ruft ICE. Er will, dass sie den Pizzamann abholen.”

“Ich misch’ mich da nicht ein.”

“Du bist doch selbst Einwanderer.”

“Was mich zu was verpflichtet?”

“Solidarität.”

Brown lächelt bitter.

“Soli – was? Wo war eure Solidarität, als Tusk mich zu Handsman gebracht hat? Ihr habt dagestanden und blöde zugesehen.”

“Wir wussten nicht, um was es ging.”

“Red’ nicht. Ihr habt doch gehört, als Tusk mich fragte, ob ich Gras geraucht habe.”

“Da war wenig, was wir tun konnten.”

“Ach ja? Auch als Handsman mir eine Verwarnung ausgesprochen hat? Der hat sich nicht mal die Mühe gemacht, Gras in meiner Nische zu suchen. Und weißt du warum?”

“Sag’s.”

“Weil er nichts gefunden hätte.”

Fly blickt zurück. Im Vorraum warten die Kollegen.

“Kommst du nun oder nicht?”, fragt Fly.

“Mach mal, Mann”, sagt Brown. Jetzt dehnt er den Vokal, als würde er gähnen. “Ich muss was essen.” Er dreht sich um und verschwindet in seine Nische.

Handsman wippt in seinem Bürostuhl, lauscht dem Quietschen der Sitzfeder und sinnt den Worten des ICE-Beamten nach. Er hat froh geklungen. Endlich, so schien der Mann zu sagen, endlich jemand in New York, der auf der Seite von ICE, auf der Seite des Gesetzes steht. Der hat sofort gespürt, dass Handsman ein Marinesoldat war, so zackig, wie er den Sachverhalt dargestellt hat. Und als er Handsman wie aus dem Nichts sagte, er sei in Fallujah dabeigewesen, lachte Handsman auf vor Erleichterung:

“Manchmal sitzen die richtigen Leute noch an den richtigen Stellen”, hat er gesagt. “Da kann man noch Hoffnung haben.”

Er werde zwei Fahrzeuge schicken, sagte der Mann. Obwohl es lediglich seine Aufgabe sei, die ICE-Agenten einzusetzen, werde er mitkommen, den Einsatz führen, den Illegalen verhaften und sich bei Handsman bedanken.

“Patriotismus ist persönlich”, sagte der Mann. “Ich bin Direktor des New Yorker ICE-Büros. Christian Teller. Du darfst mich Christian nennen.”

Handsman streckt den Rücken. Sein Geist langt noch nach diesen Worten irgendwo in diesem Raum und es dauert ein paar Momente, bis er diese Stille spürt, die er nicht spüren sollte. Er schaut auf die Uhr. Die Stille kommt sonst später und nur langsam, wenn der Stimmenrummel abebbt und ein Zusteller nach dem anderen nach Hause geht. Diese Stille hier ist abrupt erschienen. Eine Stille zu unerwarteter Zeit, das weiß er aus Irak, ist gefährlich. Handsman erhebt sich langsam, geräuschlos, spannt seine Bauchmuskeln an, atmet nicht. Er starrt auf die Klinke, während seine Linke sie herunterdrückt. Erst als seine Rechte ins Leere greift, erwacht er aus dem Wachtraum. Er ist nicht in Stellung und rechts steht auch nicht sein Gewehr.

Im Foyer hat Fly gerade den Versammelten vorgeschlagen, den Pizzamann in ihre Mitte zu nehmen, ihn zur Tür zu führen und ihn gehen zu lassen.

Lester hat dann gefragt: “Und was ist, wenn ICE vor der Türe steht?”

“Wir werden eine Lösung finden. ICE kann uns nicht verhaften und die Cops dürfen sie auch nicht rufen. Wir sind hier in New York.”

Foster spürt Hitze in seinem Gesicht. Er weiß, es ist hochrot – vor Zorn oder Angst, das weiß er selbst nicht. Er hat seine Arme verschränkt, steht breitbeinig vor dem Pizzamann, der an der Wand lehnt. Foster ist der größte und kräftigste von allen. Die Kollegen können den Pizzamann gar nicht sehen, und was sie nicht sehen, weckt nicht ihr Mitgefühl. Er sucht die Gesichter ab, die meisten scheinen eher neugierig, beachten Foster nicht, begreifen seine Rolle nicht. Tusk ist nirgendwo, weder hier vorn noch in der Peripherie, der Obrigkeit ergeben, doch ein Feigling vor dem Feind. Foster erwägt Handsman zu holen. Aber wenn er ginge, würden Fly und seine Leute den Gefangenen gehen lassen. Pearl und Lester würden zetern, aber nichts verhindern. Und so bleibt Foster stehen. Unter der Hitze seines Gesichts lauert der Wille, die Beute zu verteidigen, lauert das Verlangen auszubrechen und niederzuwalzen, was sich ihm und dem Gefangenen nähert.

Pearl spricht gegen Fly:

“Dieser Mann da”, er zeigt in Richtung Foster, meint jedoch Diego, “hat kein Recht hier zu sein. Es gibt Einwanderungsgesetze in Amerika. Einwanderer müssen sich dran halten. Viele halten sich dran und es ist nicht einfach. Wenn Illegale hier bleiben dürfen, ist das einfach nicht fair. Dieser Mann sollte zurückgehen und sich hinten anstellen.”

Eine Stimme: “Es gibt keine Schlange zum Anstellen.”

Einer ruft: “Woher weißt du das?”

“Ich hatte nicht den Eindruck, in einer Schlange zu stehen.” Das ist Camilas Stimme. “Man reicht die Formulare ein und wartet und irgendwann setzt ein Beamter in Texas seinen Stempel drunter. Oder nicht, wenn er schlecht gelaunt ist.”

Nate zeigt Richtung Diego: “Seine Nachbarn und Kollegen und seine Kunden sollten über sein Visum entscheiden. Die müssen mit ihm leben, nicht der Beamte in Texas.”

Einige nicken, andere brummen Zustimmung. Jayla schüttelt den Kopf:

“Bis ein Nachbar seinen Job verliert, Nate. Dann wissen alle: Illegale nehmen uns die Arbeitsplätze weg.”

Fly: “Illegale nehmen uns die Arbeitsplätze weg? Ich wusste nicht, dass der Postmaster General ein Illegaler ist. Oder Handsman. Schreibt er die Entlassungsliste für dieses Postamt oder der Pizzamann?”

Für ein paar Sekunden schweigen die Versammelten. Ihnen fallen die Medienberichte von der Postkrise ein, von den geplanten Schließungen der Postämter, Handsmans Andeutungen über die Zukunft ihres Postamts, die sie bislang verdrängt haben. Dann Jayla:

“Du weißt, wie ich das meine.”

“Nein.”

“Die drücken auch noch unsere Löhne …”

“Die Illegalen bestimmen auch noch, wie hoch unsere Löhne sind?”

“Begreifst du nicht?”, sagt Jayla. “Angebot und Nachfrage. Wenige Arbeiter, hohe Löhne. Viele Arbeiter, niedrige Löhne. Noch mehr Illegale, noch geringere Löhne.”

Nate: “Kein Mensch, der weniger hat als ich, hat jemals meinen Lohn bestimmt. Jayla, weißt du, wer deinen Lohn bestimmt?”

“Nun, ein Genie wie du wird es mir sagen.”

“Du. Du, Jayla.”

“Ich?” Jayla lacht.

Nate sagt: “Du bestimmst über deinen Lohn. Wenn du mitmachst, wenn du, ich, wir alle unsere Forderungen vorbringen, vielleicht sogar streiken.”

“Solidarität, Nate”, sagt Fly.

“Wenn wir solidarisch sind: hohe Löhne. Wenn wir nichts machen außer nörgeln und auf Illegale rumtrampeln: geringe Löhne. Die Bosse lachen sich tot, wenn sie dich hören.”

“Lass Jayla in Ruhe”, sagt Lester. “Redest von Solidarität und kannst ihre Meinung nicht ertragen.”

“Schöne Sprüche”, sagt Pearl.

“Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein”, sagt Jayla.

Pearl: “Das ist ohnehin verboten, was wir hier machen.”

Eine Stimme: “Das ganze Leben ist verboten.”

Die Leute lachen.

Pearl: “Warum lacht ihr? Ist euch unser Land so gleichgültig? Unser Land wird überschwemmt von Illegalen. Wie viele sind es jetzt? Neun, zehn, elf Millionen? Das ist eine Invasion. Eines Tages haben sie die Macht, wenn wir unsere Grenze und unseren Lebensstil nicht schützen, wenn es sein muss, mit der Armee. Euch ist dieser Mexikaner wichtiger als Handsman. Ihr könnt von Handsman halten, was ihr wollt. Aber er ist ein Veteran. Er hat für unser Land gekämpft.”

“Unser Land?”, ruft Fly. “Wessen Land? Deins und meins?”

“Das schockiert dich, was?”

“Du kannst die Hypothek von deinem Haus nicht zahlen, aber redest von ‘unserem’ Land. Ich sag dir ein Geheimnis, Mann. Du und ich sind Arbeiter. Wir hängen am Vierten Juli die Flagge ans Haus, aber das Land, das diese Flagge repräsentiert, gehört uns nicht.”

Pearl winkt ab.

“Wink nicht ab”, sagt Clara. “Wenn ich Lebensstil höre, denke ich an unseren Schichtplan.” Ende Teil 2.

Leave a comment