
… Gemurmel, Nicken, einer lacht auf. Clara fährt fort:
“In dieser Woche sehe ich meine Kinder nur am Wochenende und ich muss noch eine Schicht drauflegen, damit ich die Babysitterin bezahlen kann. Das ist mein Lebensstil, Pearl. Wenn Tusk den Schichtplan aushängt, gehorchst du und fluchst zu Hause, dass du wieder drei Spätschichten in dieser Woche fahren musst. Wer so viel zu tun hat, hat wenig Zeit, Armeen zu bewegen und Grenzen zu schließen.”
Lacher.
“Dafür gibt es Politiker”, sagt Pearl. “Du solltest wählen gehen.”
“Ich gehe wählen und ich frage mich manchmal, wozu”, erwidert Clara. “Die Politiker brauchen unsere Stimmen und verdienen das Geld der Reichen. Was meinst du, wen sie konsultieren, wenn sie ein Gesetz machen wollen? Dich? Mich? Wir sind die letzten, die sie fragen.”
Fly: “Und das werden wir jetzt ändern, Kollegen. Wir haben unsere Meinungen ausgetauscht. Ich schlage eine Abstimmung vor…”
“Nein!”
Das Wort schlägt in die Versammlung ein wie eine Granate. Die rechte Hand zu einer Faust geballt, ist Foster einen Schritt nach vorn getreten, hat die Sicht auf Diego freigegeben. Jetzt streckt er Fly seinen Zeigefinger entgegen.
“Keine Abstimmung”, schreit er. “Du zerstörst das System. Was du machst, ist offene Anarchie.”
Fly sagt: “Was wir hier machen ist offene Demokratie. Foster …”
“Sag meinen Namen nicht.”
“Wenn es eine Mehrheit gibt, den Mann freizulassen, musst du die Mehrheit akzeptieren und zur Seite treten. Niemand will Gewalt hier. Wenn die Mehrheit sagt: Wir übergeben ihn an ICE, werde ich das respektieren, mich umdrehen und an meinen Arbeitplatz zurückgehen.”
Foster dreht sich nach links, nach rechts, halb drohend, halb bittend.
“Du wirst nach Hause gehen. Du wirst gefeuert”, faucht er.
Fly: “Wer dafür ist, den Pizzamann zur Tür zu geleiten und ihn freizulassen, hebt die Hand.”
Hände fliegen hoch.
“Es ist nicht klar, ob es die Mehrheit ist”, sagt Clara.
Fly: “Wer dafür ist, den Pizzamann an ICE zu übergeben, hebt die Hand.”
Hände fliegen hoch.
Clara stößt Jayla an: “Du stimmst nicht ab?”
“Ich enthalte mich.”
Lester ruft: “Wir müssen zählen.”
Fly: “Nochmals. Wer den Pizzamann freilassen will, hebt die Hand.”
Hände fliegen hoch.
Als Fly sich auf die Zehenspitzen stellt, um die Stimmen zu zählen, blickt er in Gesichter, die er nicht mehr kennt. Niemand grinst, niemand lächelt. Der Hohn und die Furcht, die er in einigen Zwischenrufen gespürt hat, ist einer ungelenken Würde gewichen, der Ahnung einer Macht, von der sie bisher nicht geglaubt haben, dass sie existiert. Nichts im Leben eines Arbeiters, einer Arbeiterin ist befreiender als ein solcher Augenblick. Ihr Geist wird ihn abspeichern, und je länger er währt, desto mehr sehnen sie sich nach ihm, wenn die Zeiten wieder dreckig werden. Doch als Fly zu zählen beginnt, erscheint im Hintergrund ein weißer Fleck. Das erste, was Fly erkennt, ist das Hemd, dann der Gang. Handsman schreitet nicht zu schnell, nicht zu zögerlich. Flys und Handsmans Blicke begegnen sich. Solange sie aneinander hängen, verbindet beide das Erstaunen darüber, wie wenig sie überrascht sind von der Gelassenheit des anderen.
Handsman ist sich sicher, dass jetzt seine große Stunde schlägt.
Diego hat jedes Gefühl für die Zeit und jedes Gefühl für Bewegung verloren. Ihm ist, als wäre seine Brust eingefroren, als hätte er aufgehört zu atmen. Er hat schon vergessen, welche Pizza der Mann im Hemd bestellt, ob er bezahlt hat oder nicht. Für Diego gehört die Arbeit für die Pizzabäckerei bereits zu einem anderen Leben. Er kann sich kaum noch erinnern, wo er ist. Sein Rücken spürt nicht mehr die Wand, gegen die er lehnt. Der Mann mit dem breiten Hals und den grauen Augen hat ihm den Rücken zugewandt, hinter seinem Ohr rollt ein Tropfen Schweiß hervor, dann ein zweiter runter in den Kragen.
Was sich vor ihm abspielt, beobachtet Diego wie ein Kinobesucher, der in einen ausländischen Film geraten ist. Er versteht die Sprache nicht, kann nicht erkennen, wo ein Wort beginnt und wo es endet. Nur “illegal” und “Mexiko” und “Pizzamann” hüpfen aus dem Fluss der Töne. Er möchte den Leuten sagen, dass er aus Honduras ist, ein Lehrer aus Marcala, der nichts und niemanden mehr unterrichten kann, weil die Schulbänke verwaist, weil seine jungen Schüler an einem Tag Mörder und am nächsten Tag Ermordete sind; der Schulhof ist rot vom Blut der örtlichen Rivalen und die Taschen der Bandenführer sind voll mit Dollars der Süchtigen aus dem Norden Amerikas. Die Leute hier ahnen nichts von dem. Ihre Stimmen gleichen den Lauten der Tiere, die in der Abenddämmerung aus dem Dschungel in die Straßen schallen; das Brüllen nach Dominanz, das Schreien vor Angst, die krähenden, zwitschernden, gellenden Warnungen vor dem Herannahen eines Raubtiers. Diego verfolgt, wie sich ihre Nervösität in Leidenschaft verwandelt, in den Eifer von Kindern, die etwas machen, was sie noch nie gemacht haben. Sie erwähnen ihn, so scheint es, aber sehen ihn nicht. Nur eine Frau sieht ihn mit ihren schwarzen Augen an. Einmal war ihm, als nickte sie ihm zu. Die Leute glauben, sie reden über ihn. Doch er ist nur ein Anlass. In Wirklichkeit versuchen sie herauszufinden, wer sie selber sind.
Er wagt es nicht, sein Telefon herauszuholen und Alejandra das verbredete Herzchen zu schicken. Ein Flämmchen Hoffnung ist in ihm aufgeflackert. Die Häscher werden ihn nicht so einfach mitnehmen können. Sie werden mit den Leuten reden müssen. Jemand wird einen Einwanderungsanwalt rufen. Vielleicht wird es den Häschern gelingen, die Polizei zu alarmieren, aber die muss sich zurückhalten. Sie darf den Häschern nicht helfen, denn New York ist eine Stadt des Schutzes, dekretiert vom Bürgermeister und dem Stadtrat. Die Behörden verweigern den Häschern jede Kooperation. Und so schlängelt sich um das blaue Flämmchen der Hoffnung ein zweites, ein orangefarbenes, durchwabert das erste, tritt hinaus, schwankt zur Seite, umarmt das andere wieder. Es ist ein Flämmchen der Zuneigung, der Dankbarkeit gegenüber diesen Leuten hier. Denn das Schlimmste, denkt sich Diego, wäre nicht der Zugriff der Häscher, sondern die Gleichgültigkeit von seinesgleichen, und das sind sie doch im Grunde: Seinesgleichen.
Handsmans Stimme schießt durch den Raum und beendet alles. Die Flämmchen erlöschen.
Die Leute am Rand der Versammlung sind zur Seite getreten, die anderen im Kern bleiben stehen, einige verschränken ihre Arme. Handsman stützt die Hände in die Hüften.
“Fly, Nate, Cole. Melden Sie sich in fünf Minuten bei mir im Büro.” Er spricht laut, klar bestimmt, erblickt Clara. “Sie auch.” Sein Blick gleitet über die Gesichter.
“Foster, Pearl, Lester. Halten Sie sich bereit für eine Zeugenaussage. Der Rest geht jetzt langsam zurück zu seinem Arbeitsplatz. Beenden Sie dort ihre Arbeit und erwarten Sie weitere Instruktionen.”
Einige treten von einem Fuß auf den anderen. Drei oder vier schicken sich an zu gehen. Ohne sich umzudrehen, sagt Fly:
“Wir sind noch in einer Abstimmung.”
“Abstimmung? Ihre Abstimmung ist illegal, Fly.”
“Keine Abstimmung ist illegal”, sagt Clara.
“Jedem, der sich daran beteiligt, drohen Konsequenzen,” sagt Handsman.
“Das verstehe ich nicht”, sagt Jayla.
“Sie müssen nichts verstehen. Sie müssen meinen Anordnungen folgen. Ich bin der Leiter dieses Postamts. Die Abstimmung,” er blickt um sich und jetzt lächelt er, “die Abstimmung bin ich.”
“Es gibt eine Mehrheit gegen Flys Vorschlag, ich bin mir sicher, Mister Handsman”, sagt Jayla.
Er schaut auf die Uhr. “Sie” er deutet auf Jayla, “Sie melden sich mit den anderen in meinem Büro.”
Sie starrt ihn an. Camila öffnet den Mund, legt ihre Hand auf Jaylas Schulter.
Fly sieht zwei Kollegen um die Ecke verschwinden. Einige treten weg von ihm als hätte er eine ansteckende Krankheit. Nate rührt sich nicht vom Fleck, eher aus Trotz. Jayla wirkt wie angeklebt, eher vor Entsetzen. Die anderen bleiben noch. Indem sie ihn und nicht Handsman ansehen, indem sie auf Flys Worte warten statt Handsmans Worten zu gehorchen, rebellieren sie. Fly darf keine Sekunde zögern. Doch noch ehe er eine Abstimmungsoption aussprechen kann, noch ehe die Kollegen ihre Hand heben würden, noch bevor Handsman seine Fassung verlöre, herumbrüllen würde, wie er es normalerweise tut, noch bevor Lester die Stimmen zählen und die Versammlung entscheiden würde, Diego je nach Resultat mit ihren Körpern festzusetzen oder ihn untergehakt zur Tür zu bringen, bricht wie eine Springflut von allen Seiten ein Heulen in den Raum.
Jeder erfasst sofort an dem Klang, das dies kein menschliches Heulen ist. Als mit einem Augenblick Verzögerung die rote Glühbirne über der Uhr aufblinkt, begreifen alle, dass im Postamt ein Feueralarm ausgelöst ist. Jemand ruft “Feuer”, dann springen alle auseinander. Handsman hat im Irak gelernt, die Nerven zu bewahren und zu handeln wie es der Notstand gebietet. Aber jetzt schießen Gedanken hoch, einer dringlicher als der andere. Er ist gelähmt, er weiß nicht, was er zuerst tun soll. Nach dem Feuer suchen? Das Haus evakuieren? Den Illegalen unter Kontrolle bringen? Als Foster nach vorne springt und dabei Nate zu Boden stößt, glaubt Handsman zunächst, Foster wollte den Illegalen rauszerren, weil ICE jeden Moment auftauchen müsste. Aber Foster hat die Nerven verloren, stampft der Türe zu, schreiend wie ein Kind. Vor ihm steht Fly, Schrecken im Gesicht, sein Arm in Bewegung eingefroren, die Statue eines abstimmenden Arbeiters.
Brüllen: “Fenster zu!”
“Feuerlöscher!”
Jayla greift Diegos Arm und bevor sie sich der Tür zuwenden kann, stellt sich ihnen Clara in den Weg.
“Da nicht. Da ist Handsman.”
Sie blicken sich um. Camila neben ihnen: “Zur Rampe.”
Sie stürzen mit Diego zur Tür der Lieferbucht, Jayla springt zur Seite und ruft:
“Da, da läuft er, der Illegale.”
Clara blickt über die Schulter. Jayla zeigt in die andere Richtung, in Richtung der Nischen, ins Innere. Handsman, aufgeschreckt von Jaylas Ruf, dreht sich von ihnen weg. Clara, Camila und Diego stürzen bereits auf die Rampe. Clara schlägt gegen den roten Knopf. Knarrend hebt sich das Rolltor.
Clara schubst Diego:
“Arriba! Arriba!”
Diego springt runter, wirft sich zu Boden, zwängt sich raus. Clara schlägt wieder gegen den Knopf, das Tor, jetzt nicht höher als zwei Fuß, senkt sich wieder. Sie sehen noch, wie Diego seinen Arm wegzieht. Der Lichtschein, den das Tor in den Raum gelassen hat, schrumpft und streift dabei Diegos Fahrrad. Dann berührt das Tor den Boden. Es ist dunkel. Camila fasst Claras Hand. Sie lauschen dem Keuchen der anderen. Hinter ihnen heult noch der Feueralarm.
Ein paar Sekunden bleibt Diego liegen, schaut am Rolltor hoch in den grauen Himmel, rechts hebt sich gerade der Sternenbanner im Wind. Er versucht zu begreifen, was passiert ist und was er jetzt tun muss. Er fischt sein Telefon aus der Tasche, während er sich hochrappelt, und indem er es mit dem Daumen öffnet, blickt er nach rechts und sucht sein Fahrrad und ahnt nicht, wer von links an ihn herantritt. Er spürt den Boden unter seinen Knien und im nächsten Moment einen Griff ums linke Handgelenk. Rechts entreißt eine Hand ihm das Telefon, eine dritte und vierte Hand greifen unter seine Achseln. Vor ihm Stiefel, eine Uniformhose; die Hände ziehen ihn hoch, bis eine schillerne Marke vor seinen Augen erscheint: eingravierter Adler, der seine Schwingen ausbreitet, drunter steht: “US Officer”.
“Teller”, hört er sagen, “ICE. Sie sind festgenommen.”
Diego hört ein Klicken. Handschellen legen sich um seine Handgelenke. Sie schieben ihn zum Auto. Beim Einsteigen drückt jemand seinen Kopf herunter, damit er sich nicht am Türrahmen stößt.
“Setz mal zurück. Wir kommen da nicht durch”, sagt jemand. Vorn blockieren zwei Feuerwehrwagen die Straße, Leute laufen umher, unter ihnen ein Mann in einem weißen Hemd, der sie gerade entdeckt hat und wild mit den Armen fuchtelt.
“Welcher Idiot hat ihm das Telefon gelassen?”, fragt Teller. “Der Illegale hätte weiß Gott wen informieren können.”
Dann fahren sie los.
Inmitten des Alarmgeheuls, des Fluchtgetöses, des Anherrschens, der Trotzrufe hat Zusteller Brown, auf dem Drehstuhl in seiner Nische mal nach links, mal nach rechts schwenkend, wie in Meditation die Augen geschlossen. Jetzt öffnet er seine Lippen und bläst den letzten Rauch aus seiner Lunge in Richtung Feuermelder. Dann öffnet er auch die Augen, grinst und drückt den Joint vorsichtig ins Silberpapier, das er der Tafel Schokolade entnommen hat. Die Schokolade liegt daneben, er schiebt sich ein Stück in den Mund. Dann faltet er das Silberpapier zusammen und mit dem Plastikbeutelchen voller Gras steckt er es in den wattierten Umschlag. Er klebt den Umschlag zu und legt ihn zurück ins Fach. Der Umschlag ist bedruckt und ausreichend frankiert. Abgestempelt hat Brown ihn selbst. Die Adresse hat er sich schlau ausgedacht: Rose, Wrath & Edelstein, Esq., Litigation, 3rd Avenue – Anwaltsbüro, klingt, als arbeiteten sie für hohe Tiere. Niemand, der dem Briefgeheimnis verpflichtet ist – weder Tusk noch Handsman auf ihrer Suche nach Browns Marihuana –, würde es je wagen, das Kuvert zu öffnen.
Er raucht schon seit Wochen hier, vorsichtig, immer nur ein paar Züge, nur so viel, um Laune und Appetit hochzuhalten. Nie hat er den Rauch gegen den Feuermelder geblasen. Heute hat er eine Ausnahme gemacht. Solidarität übt er mit dem armen Pizzamann auf seine Weise, mag Fly darüber denken, wie er will.
Brown sieht sich plötzlich am Ausgang seiner Nische stehen. Er wiegt hundertachtzig Pfund, aber das gilt nur für die Zeit, in der er nicht high ist. Jetzt fühlt er sich leicht wie eine Feder, die rasch nach draußen schwebt, dem Tohuwabohu seiner Kollegen und den Sirenen der Feuerwehr entgegen.
*
Im Verhörraum haben sie Diego die Handschellen abgenommen und ICE-Agent Cortiña hat ihm einen Becher mit Kaffee hingestellt und, nachdem die anderen rausgegangen waren, auch eine Zigarette angeboten. Diego hat sich nicht gerührt.
“Du siehst müde aus”, hat Offizier Cortiña gesagt. Er spricht honduranisches Spanisch, das die S-Laute am Wortende wegschneidet und das tú für “du” in vos verwandelt. Das vos ist Diego vertraut und wenn es vom Agenten Cortiña kommt, muss es wohl auch vertrauenswürdig sein.
“Wie lange arbeitest du schon für die Pizzabäckerei?”, fragt Cortiña.
Diego sagt nichts.
“Sind sie gut zu dir?”
Cortiña nickt, als verstände er Diegos Schweigen. Dann neigt er seinen Kopf Richtung Tür.
“Die anderen wollen dich ins Internierungslager in Upstate New York schicken. Illegale, die sie alleine aufgreifen, werden ohne Anhörung abgeschoben. Nicht sofort. Du musst zuvor durch den harten Winter.”
Diego blickt Cortiña ins Gesicht. In Diegos Augen glaubt Cortiña zu entdecken, wie sich langsam ein Vorhang hebt, wie sich ein Weg zu Diegos Seele öffnet. Für einen Augenblick genießt Cortiña diesen engen, warmen Kontakt, der dem Gefangenen die Angst nehmen und die Zunge lösen soll.
“Ja”, sagt Cortiña. “Ich kenne das Gefühl. Du erkennst plötzlich, dass du deine Familie nicht mehr sehen wirst. Deine Frau, deine Kinder wissen nicht, was mit dir passiert ist und wo du bist. Und du kannst sie nicht anrufen. Denn in der Abschiebehaft gilt Kontaktverbot.”
Cortiña studiert Diegos Gesicht. Nur er kann erkennen, ob sich unter dem aztekischen Gleichmut Horror regt; das ist sein Talent in dieser Dienststelle. Er wirft einen Blick zur Tür und beugt sich vor.
“Es gibt eine Chance. Wenn die Familie, wenn die ganze Familie sich stellt, sich freiwillig an ICE wendet und uns Hinweise auf die Schleuser gibt, dann gibt es eine Chance, dass ihr hierbleiben könnt. Wir vergessen deine Festnahme, das kann ich arrangieren. Wenn du deine Frau anrufst und ihr erklärst, dass wir sie und ihre Kinder abholen, dann wird alles gut.” Cortiñas Gesicht leuchtet auf, als hätte er einen brillanten Einfall.
“Du kannst mitkommen. Wir holen sie zusammen ab.”
Diego, der bis jetzt starr dagesessen hat, legt seine Hände um den Kaffeebecher. Der Becher ist warm wie Alejandras Gesicht. Diego schließt die Augen und nimmt einen Schluck. Im Geiste gibt er ihr einen Abschiedskuss.
Diego stellt den Becher zurück.
“Was machst du hier?”, fragt Diego. “Wie bist du hierher gekommen?”
“Hierher? Ins Büro?”, sagt Cortiña. “Nun, mit der Subway. Warum?”
“Mit der Subway von Honduras nach Manhattan?”, fragt Diego.
“Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.”
“Haben deine Eltern dich hierher gebracht?”
“Ah, das ist es.”
“Sind sie illegal gekommen? Wie alle anderen auch?”
“Pass auf, mein Freund”, sagt Cortiña. “Meine Familie hälst du da raus.”
Diego deutet mit dem Zeigefinger auf Cortiña und nickt.
“Pass auf, mein Freund”, sagt er. “Meine Familie hälst du da raus.”
Cortiña drückt auf einen Knopf am Tisch. Die anderen kommen rein.
“Und?”, fragt Teller, Diegos Telefon in der Hand.
“Stur”, sagt Cortiña. “Will nichts sagen.”
“Es gibt hier eine Frau, mit der er oft textet. Alexandra”, sagt Teller
“Alejandra”, korrigiert Diego.
“Danke.” Teller grinst und scrollt. “Ein Foto. Frau und Kind am Weihnachtsbaum im Rockefeller Center. Feliz navidad. Die Dame war schwanger. Junge oder Mädchen?”
Diegos antwortet nicht. Cortiña übernimmt Diegos Telefon.
“Schreiben wir Alejandra eine Nachricht”, sagt er.
Teller sagt: “So etwas wie: Habe heute gutes Geld verdient. Das feiern wir. ‘Blue Moon Restaurant’, Avenues of the Americas, Ecke Grant Street… Wann sind wir einsatzbereit?”
“Um drei”, sagt einer.
“Also, drei Uhr”, sagt Teller. “Und schreib: Bring die Kinder mit.”
Cortiña tippt und murmelt. “Gane mucho dinero. Vamos a celebrarlo… Trae a los niños.”
“‘Blue Moon’ ist unser Garten”, sagt Cortiña zu Diego. “Da ernten wir die Familien der Illegalen.”
Sein Daumen drückt aufs Telefonglas. Die Nachricht ist gesendet.
“Un corazón”, murmelt Diego.
“Corazón? Ein Herz?”, fragt Teller. “Will er, dass wir ein Herz haben?”
“Ich glaube, er meint das Emoticon”, sagt Cortiña.
Er tippt auf das Herzchen im Display und sendet es ab.
“Ein Herzchen muss sein. Sonst kommt sie nicht”, sagt Offizier Cortiña und lacht und alle lachen und bemerken mit Verwunderung, wie auch Diego zu lachen beginnt, wie er den Becher wieder zwischen die Hände nimmt, ihn zum Mund führt und küsst, lacht und küsst und lacht.
Bernd Hendricks

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