
Name?
- Bernd Hendricks
Wo bist du geboren?
- In Duisburg am Rhein. Meine Seele kam auf der 8th Street in Parkslope, Brooklyn, zur Welt. Manchmal machen zwei Geburtsorte erst den ganzen Menschen.
Was hast du studiert?
- Normalerweise fragt man das in Deutschland zuerst.
Und?
- Ich habe die Straße studiert, die Straße und die Menschen.
Cleverer Spruch. Könnte von einem großen Autor stammen.
- Ich gebe zu, ich habe ihn gestohlen. Von Maxim Gorki stammt die Aussage – so oder ähnlich: Meine Universität sind die Straßen. Gorki war eine Art Wandergeselle. Er hatte in Fabriken und auf dem Land gearbeitet, bevor er anfing zu schreiben.
Durch welche Straßen bist du gezogen?
- Lehrling, Fernmeldehandwerker, wie man seinerzeit sagte, also Telefontechniker; Briefträger, Journalist, Dolmetscher, Lehrer für Deutsch als Fremdsprache, Autor. Als Soldat bei der Bundeswehr habe ich meine Abneigung gegen alles Militärische gelernt.
Was hast du bislang geschrieben?
- Die Romane wir, Illegal, Menschen mit Flagge. Und Stromer, eine Sammlung von Storys und Reportagen von den Straßen New Yorks. Die Sachbücher Ach ich fühl’s – German for Opera Singers und Die Frist ist um – Navigate the Language of 10 German Operas sind auf Englisch geschrieben und in den USA erschienen. Ich war Co-Autor von zwei Kochbüchern, verfasste in den Neunzigerjahren ein Buch über Telearbeit und berichtete Ende der Achtzigerjahre in einem Reportagebuch über den letzten großen Arbeitskampf vor – und bis jetzt wohl auch nach – dem Fall der Mauer.
Wie hast du zu schreiben begonnen?
- Als Kind – ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt – hatte ich beim Lesen eine unglaubliche Erfahrung, eine wilde Erleuchtung. Ich las Mark Twains Sammlung von Kurzgeschichten. Humoresken war der Titel, dieses Wort fand ich bereits lustig und aufregend, ich hatte es noch nie gehört. Ich glaube, es war die Geschichte Kannibalismus auf der Eisenbahn, bei der ich so laut und ausgelassen lachen musste, dass ich innehielt und dachte: Wie können Worte auf einem Stück Papier eine solche Wirkung haben? Von da an wollte ich nur noch schreiben. Mir ist allerdings noch nicht gelungen, einen Text mit universalem Humor zu schreiben, der bei jedem, ganz gleich welcher Herkunft, welchen Alters, Geschlechts usw. schallendes Gelächter auslöst.
Was machst du, um dein Schreiben zu verbessern?
- Lesen.
Und noch etwas?
- Lesen.
Wen liest du? Von wem versuchst du zu lernen?
- Es gibt so viele und regelmäßig kommen neue hinzu.
Maxim Gorki? Mark Twain?
- Ja, sie waren die ersten. Früh las ich Edgar Allen Poe. B. Traven. Der große Paul Auster hat mir neben seinen Werken auch in anderen Texten die Autoren Isaak Babel und Steven Crane vorgestellt. Jack London, John Reed, Siri Hustvedt, Zadie Smith, Anna Seghers, Daniel Kehlmann, Ulla Hahn, Toni Morrison, Joseph Roth, Miguel Cervantes, Gabriel García Márquez, Fallada, Tucholsky, Tolstoi, Kisch, Zola, Colson Whitehead, Anchee Min. Unzählige Dichter: Goethe, Heine, Georg Werth, Arthur Rimbaud, Ossip Mandelstam, Emily Dickinson, Mascha Kaléko, Wisława Szymborska, die Nuyorican Poets. Frag mich morgen und die Liste wird wieder neu und länger.
Gibt es ein Zitat eines Schriftstellers, das dich besonders inspiriert?
- “Der schöpferische Mensch sollte keine andere Biographie haben als seine Werke.” B. Traven.
Das heißt, keine weiteren Fragen?
- Alle Fragen zu meiner Person finden ihre Antworten in meinen Texten.
